Lieber Br\ Meister-Maurer
Wenn Du diese Schrift in Händen hältst und darin liest, dann darfst Du Dich glücklich schätzen. Denn derjenige Bruder, der Dir diese Schrift überreichte, ist bereits Royal Arch Maurer und findet, dass auch Du dem Royal Arch angehören könntest.

Eigentlich müsstest Du nur noch überlegen: Wenn dieser Bruder, den Du schätzt und dessen maurerisches Verhalten Dich überzeugt, Mitglied eines Royal Arch Kapitels ist, dann möchtest Du ebenfalls dieser Obödienz angehören. Mehr müsstest Du im Moment wohl nicht wissen.

Wir vom Royal Arch wollen Dich aber nicht so einfach als Interessierten und wohl auch Fragenden stehen lassen, daher sollen Dir die folgenden Zeilen Hinweise geben, was zum tiefen Gedankengut des Royal Arch gehört, ohne allerdings Wichtiges, das Du erst bei Deiner Aufnahme in ein Royal Arch Kapitel – und dann nach und nach – erfahren sollst, zu enthüllen.

Blicken wir zurück auf Deinen Werdegang in der Blauen Maurerei. Du wurdest als Lehrling aufgenommen, zum Gesellen befördert und dann in den hohen Grad eines Meister-Maurers erhoben. Jede dieser Stufen erweiterte Deinen Blick auf neue, Dir eigene Lebensziele und auch symbolische Geheimnisse, die nur und ganz Dich betreffen. Du hast an Dir gearbeitet – und arbeitest immer noch an Dir – und suchst dein ganz persönliches Ziel als Glied der allumfassenden Bruderkette durch stete Arbeit an Dir selbst – letztlich das grosse Geheimnis der Freimaurerei. Als Glied der Bruderkette bist Du auch Glied der Menschheit, Baustein am Tempel der Humanität, um es symbolisch auszudrücken. Du selbst stehst aber im Zentrum, denn Selbsterkenntnis, Selbstbeherrschung und Selbstveredelung sind Deine Kernaufgaben als Freimaurer.

Eigentlich könnte das schon genug sein für ein Menschenleben, damit hast Du ohnehin bereits ausreichend zu tun – könntest Du denken. Was soll dann der Royal Arch noch bringen, Dir als Freimaurer? Dazu möchten wir Dir ein paar Gedanken vorlegen, die Du überdenken kannst.

Der Royal Arch bringt, über die Beschäftigung mit sich selbst – mit Dir selbst – den Blick auf eine Transzendenz, die sich jedoch jeder direkten Beschreibung entzieht. Der Royal Arch öffnet sozusagen die Türen aus der humanen, irdischen Welt in etwas, das sich einer intellektuellen Analyse vollkommen entzieht. Das hat – wie in der Freimaurerei als Grundsatz wichtig – nichts mit Religion oder persönlichem Glauben zu tun. Das symbolische Gedankengut des Royal Arch soll in uns Royal Arch Maurern einen Resonanzraum zum Schwingen bringen, der ausserhalb des Intellekts liegt und uns symbolisch mit einem Reich verbindet, das eben ausserhalb wissenschaftlicher Erkenntnisse liegt.

Nun wirst Du Dich vielleicht fragen, wie so etwas in einem Royal Arch Kapitel überhaupt vonstattengehen kann. Damit in uns Royal Arch Maurern dieser Resonanzraum zum Schwingen kommen kann, werden Elemente, Mythen, Texte, Legenden aus dem Alten Testament herangezogen. Es sind dies mythische Ereignisse um den Bau des Zweiten Tempels in Jerusalem nach der Heimkehr des jüdischen Volkes aus dem babylonischen Exil. Sie enthalten Anknüpfungspunkte an unseren Meister Hiram, an das verlorene Wort. Dies führt Dich dann in ein durch und durch symbolisches Erlebnis, das Deine Aufnahme – sofern Du das wünschst – begleitet und Dich auf einen Erkenntnisweg bringt, den Du als Royal Arch Maurer gehen sollst.

Du wirst dabei auf alttestamentliche Namen stossen, von mythischen Bauten tief in der Erde hören und schliesslich erkennen dürfen – dass der Mensch nur begrenzt erkennen kann. Das magst Du vielleicht bereits jetzt erfahren haben, aber die Erfahrung des Royal Arch Maurers weitet eben den Blick und das persönliche Erlebnis ins Transzendente.

Wir möchten Dich am Schluss dieser wenigen Zeilen fragen, ob Du noch immer ein Suchender bist – ein Suchender dessen, was keine Wissenschaft der Menschheit beschreiben oder erklären kann: «wer bist Du?» Nicht mehr nur hier auf Erden, in der Bruderkette, in der Dich umgebenden Gesellschaft, sondern unter dem unaussprechlichen Aspekt eines Universums, das Teil unseres Wesens ist und dem wir selbst als Einzelwesen angehören. Lass es uns Unendlichkeit nennen.

Lieber Br\ Meister-Maurer, denke über Deine Sehnsucht nach dem Ausser-Dir, dem Über-Dir nach – vielleicht sprichst Du dann den Bruder an, der Dir diese Schrift überreicht hatte.

Ein paar Fakten zum «Heiligen Royal Arch Orden von Jerusalem»
Wie bei nahezu allen freimaurerischen Obedienzen lässt sich auch beim Royal Arch keine Gründungsurkunde ausmachen. Er dürfte seinen Ursprung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in England gehabt haben. Er ist dort in enger Verbindung mit der regulären, sogenannten Blauen Freimaurerei zu sehen und stellt die Vervollständigung des Grades des Meister-Maurers dar. Daher ist in England und Schottland die Verbindung zwischen den drei Graden Lehrling-Geselle-Meister und dem Royal Arch sehr eng. Wer das Emulationsritual kennt, wird sich auch im Royal Arch Ritual schnell zu Hause fühlen. Für alle anderen Freimaurer wird der Royal Arch eine grosse Überraschung und Neuheit darstellen.

In der Schweiz liegt eine besondere Situation vor. Da die Freimaurerlogen, die unter der Schweizerischen Grossloge Alpina zusammengefasst sind, sich grosser Ritualfreiheit erfreuen, entstand 1954 ein erstes Kapitel in Bern, dessen Name "Von Tavel No 4894" war und unter der Zuständigkeit des Supreme Grand Chapter of England stand. Später wurde es zum „Rudolf von Tavel Kapitel Nr. 1“. Am 27. April 1957 wurde das Nationale Grosskapitel Helvetia der Royal Arch Maurer in der Schweiz gegründet, nachdem neben dem Kapitel «von Tavel» zwei weitere Royal Arch Kapitel, eines in Genf und eines in Zürich, entstanden sind. Dieses Grosskapitel ist vertraglich mit der Schweizerischen Grossloge Alpina verbunden und beachtet in Fragen der Regularität die entsprechenden Vorgaben der Schweizerischen Grossloge Alpina.

Nach und nach wurden weitere Kapitel gegründet, so dass heute unter dem Nationalen Grosskapitel Helvetia der Royal Arch Maurer in der Schweiz insgesamt sieben Kapitel rituell arbeiten. Da auch im Grosskapitel die schweizerische Ritualfreiheit herrscht, sind mehrere Rituale in Gebrauch, die jedoch auf zwei englischen Ritualen, einerseits dem Aldersgate-Ritual, andrerseits dem Domatic-Ritual basieren. Derzeit arbeiten die Kapitel «Rudolf von Tavel» in Bern, «Johann Jakob Hottinger in Zürich und «Johann Gaudenz von Salis» in Chur mit einem deutschen Ritual, die Kapitel «Henri Dunant» in Morges, «Imhotep» in Lausanne und «Hiram» in Genf mit einem französischen Ritual. Ein siebentes englischsprechendes Kapitel wurde am 20. September 2018 in Zürich gegründet.

Hier zitieren wir einen Auszug aus der Zeitschrift Alpina 05-2014, in dem über den Royal Arch folgendes ausgesagt wird:

Der Orden des Heiligen Royal Arch von Jerusalem, kurz: Royal Arch, hat in der Schweizer Freimaurerei eine Sonderstellung. Es handelt sich nicht um einen vierten Grad, sondern um die Ergänzung des dritten Grads der Freimaurerei. Nach Erhebung des Gesellen in den Meistergrad wird der neue Meister belehrt, dass durch den vorzeitigen Tod von Η. A. B. die Geheimnisse des Μ. M. verloren gingen. Das verlorene Wort wurde durch Geheimnisse ersetzt, um alle Μ. M. daran zu erinnern, bis dass Zeit oder Umstände die ursprünglichen wiederbringen würden.

Im Royal-Arch-Ritual wird dem jungen Meister die Auffindung des verlorenen Wortes ermöglicht. In dem Sinn stellt der Royal Arch die Essenz der blauen Maurerei dar. Die Symbolik beruht auf alttestamentlichem Geschehen; u. a. finden wir im Royal-Arch-Kapitel die Standarten der zwölf Stämme von Israel. Eine reiche Symbolik befasst sich mit dem Geschehen um den Wiederaufbau des Tempels Salomonis. Es begegnen auch Mann, Löwe, Stier und Adler sowie u. a. die fünf regulären platonischen Körper. Der in der blauen Maurerei verehrte A. B. A. W. wird im Royal Arch zum «Allerhöchsten Wahren und Lebendigen Gott». Im Zentrum stehen Geradheit des Betragens, Festigkeit, Standhaftigkeit, Gerechtigkeit und Liebe zu aller Kreatur. Geschichtlich leitet sich das Ritual von den «Anciens» ab. Diese kannten als Grade Lehrling, Geselle, Meister und den Heiligen Royal Arch von Jerusalem. Jerusalem galt in der Symbolik der alten Hermetiker nicht als wirkliche Stadt, sondern als Ort des ewigen himmlischen Friedens - ein Ziel, das nur mit Lauterkeit des Charakters und der Lebensführung durch die Gnade von oben zu erreichen war. Die «Moderns» (Grossloge von England) übernahmen dieses Ritual als eine besondere Kostbarkeit. Heute kann jeder Meistermaurer mindestens ein Jahr nach seiner Erhebung dem Royal Arch beitreten. Es wird in Bern, Chur, Genf, Lausanne und Zürich gearbeitet. Jährlich werden vier Rituale durchgeführt - eine grosse Chance, tiefer in die Ritualistik und Symbolik der Freimaurerei einzudringen, sich persönlich über viele Fragen nach dem Warum einer Ritualhandlung klar zu werden und Verständnis für andere weiterführende Grade zu entwickeln.